Page 8 - Heft2017-2
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          »Unsere Umgebung macht uns krank«                                                                                      »In der Schule habe ich Handarbeit gehasst!«


          Zu Besuch im Salz-Vital-Zentrum Müller.                                                                               Christa Koch, die Puppenmutter vom Heidberg.

                                            Sieben Besucher passen in das Zimmer.  Palette unterstützender Produkte an. Ein      »Die erste Puppe bastelte ich vor über   Dazu ist jedes Stück ein Unikat. Selbst
                                            Vorm Betreten muss man Plastik-Überzie-  Besuch schlägt mit 9,50 Euro zu Buche.      vierzig Jahren, als mein Sohn noch ganz   die kleinen Äffchen, die es bei ihr in
                                            her über die Schuhe streifen, um den  Kinder bis 14 Jahren bezahlen 5 Euro.          klein war«, erinnert sich Christa Koch.   mehrfacher Ausfertigung gibt, sind von
                                            Salzboden rein zu halten. Feiner Salzne-  Es gibt allerdings auch preisgünstige      »Ich fing mit dem Kopf an und häkelte   den Größen und Farben her immer un-
                                            bel liegt in der Luft. Zusammen mit den  Mehrfachkarten. Für Kleinkinder bis drei    einfach drauflos. Das mache ich auch   terschiedlich. Gestrickt wird vorm Fern-
                                            farbigen Salzlampen sorgt dies für eine  Jahren ist der Besuch kostenfrei.           heute noch so.«                    seher, wenn gerade nichts Besonderes
                                            unwirkliche Atmosphäre, die zunächst  Nikolai Müllers besonderes Engage-             Damals wusste sie nicht, dass aus einer   läuft. Bei einigen Puppen kann es vor-
                                            gewöhnungsbedürftig ist. 45 Minuten  ment gilt jedoch der Bekämpfung von             spontanen Idee eine Passion werden   kommen, dass Frau Koch mehrere Wo-
                                            dauert so eine Sitzung, in der man ent-  Erdstrahlungen und Elektrosmog. Dazu        sollte. Mittlerweile stehen unzählige   chen Arbeit investieren muss. Allerdings
                                            spannt dasitzen und abschalten kann.  bietet er eine Reihe von »Harmonisier-         Puppen in den Regalen der ehemaligen   nur wenige Stunden pro Tag. Nicht
                                            Danach  serviert  Gattin  Ludmilla  den  ern« an, die schädliche Strahlung neu-      Bäckereifachverkäuferin. Vom kleinen   unerheblich sind dabei die Material-
          Nikolai und Ludmilla Müller      Besuchern Tee. Die trockene Salzinha-  tralisieren sollen, wie sie beispielsweise    Äffchen oder Weihnachtsmann bis zur   kosten. Am teuersten sind die Knöpfe.
          vorm Salz-Vital-Zentrum.          lation wird besonders bei chronischen  von elektromagnetischen Wellen draht-         ein Meter hohen Kinderpuppe reicht   Reich kann man durch selbstgehäkelte
                                            Infekten der Atemwege, bei Allergien  loser Telefone erzeugt werden. Auch die        das Sortiment – und es werden täglich   Puppen daher nicht werden. Das al-
          Der Gedanke, dass Salz Gutes bewir-  und zur allgemeinen Entspannung und  Räume am Jenastieg seien frei von Elek-      mehr. In den letzten zwei Jahren hatte   lerdings ist Christa Koch nicht wichtig.
          ken  kann,  kam  Nikolai  Müller,  als  er  Stärkung des Immunsystems empfohlen.  trosmog und Erdstrahlung. »Unsere Um-  sie sogar einen eigenen Stand auf dem   »Wichtig ist, dass es mir Spaß macht.
          nach dem Wehrdienst ein Salzbergwerk  Viele Menschen schwören mittlerweile  gebung macht uns krank«, betont Müller     Weihnachtsmarkt in Melverode, der   Und wenn ich anderen damit eine Freu-
          in der Ukraine besuchte. Viele Jahre  auf die Heilwirkung von Salzen. Trotz-  voller Überzeugung. »Die Strahlung, der   mit 65 Puppen bestückt war. Die Reak-  de machen kann, hat sich die Arbeit
          später begleitete er seinen Vater in eine  dem sperren sich die Krankenkassen  wir tagtäglich ausgesetzt werden, bleibt   tionen waren so positiv, dass Frau Koch   schon gelohnt«, lächelt sie.
          Salzgrotte. So kam ihm die Idee, ein ei-  noch immer vor einer Kostenübernahme  selbstverständlich nicht ohne Wirkung.«  auch in diesem Jahr mit einem Stand   Die kleinste Puppe kostet 7 Euro, für die
          genes Geschäft zu eröffnen. Seit sieben  einer solchen Therapie.     Seit zwanzig Jahren lebt er im Heidberg.          dabei sein möchte.                 großen muss man 35 Euro investieren.
          Jahren betreibt er mit seiner Frau Ludmilla  Sechs Salzzimmer (oder auch Salzgrot-  Auch wenn er gern als Mediziner gear-  »Die Puppen sind schön weich und   »Damit habe ich bestimmt nicht mal die
          das Salz-Vital-Zentrum am Jenastieg 10.  ten) gibt es im Großraum Braunschweig.  beitet hat, sieht er seine jetzige Tätigkeit   bestehen ganz aus nichtgiftigen Natur-  Materialkosten  abgedeckt«,  mutmaßt
          Mittlerweile hat er seine Stammkunden,  Als Konkurrenz betrachtet Müller seine  als Lebensaufgabe an. Ehefrau Ludmilla   stoffen. Dazu kann man sie leicht mit   Frau Koch. »Doch das ist mir egal.«
          die regelmäßig im Salzzimmer entspan-  Mitbewerber jedoch nicht, denn bei der  unterstützt ihn hierbei, während Tochter   Nadel und Faden reparieren, falls sie   Dass sie so viel Zeit mit Nadel und   Puppenmutter Christa Koch inmitten
          nen. »Ich hatte Probleme mit den Bron-  Größe der Stadt sei dies wenig, meint  Julia direkt nebenan ein Kosmetik- und   kaputtgehen. Und wenn sie schmutzig   Faden verbringt, verblüfft sie selbst am   ihrer Kreationen.
          chien«, erzählt eine Besucherin, die gut  er. Seit zwanzig Jahren wohnt er bereits  Nageldesignstudio betreibt.        werden,  kann  man  sie  einfach  in  die   meisten: »In der Schule habe ich Hand-  im Wohnzimmer auch Frau Kochs Ver-
          eingepackt auf einer der Liegen ruht.  im  Heidberg.  Der  einstige Mediziner  Am 29. April kann sich jeder selbst ein   Waschmaschine stecken«, zählt sie auf.   arbeit gehasst!« Nach der Schule arbei-  sion der DDR-Kultfigur »Pittiplatsch« be-
          »Schon nach dem ersten Besuch trat  betreibt sein Unternehmen aus Leiden-  Bild  vom  Salzzimmer  machen,  denn                                           tete Frau Koch lange Jahre in der Aus-  wundern, daneben zwei bunte M&M-
          eine Verbesserung ein.« Ihre Nachbarin,  schaft: »Jede Krankheit hat eine Ursache.  dann lädt das Ehepaar Müller zum Tag                                  lieferung, bei Warncke Eiskrem. Zuletzt   Männchen. Beide geradezu perfekt
          ebenfalls eine enthusiastische Dauerkun-  Und die sollte man schon im Vorfeld be-  der offenen Tür. Einen Gutschein findet                                stand sie in der Bäckerei Ziebart am   umgesetzt. »Ich habe auch schon einen
          din, erzählt eine ähnliche Geschichte.  seitigen.« Außerdem bietet er eine breite  man in diesem Heft.                                                    Tresen. Eine Bienen- und Wespenstichal-  Garfield, eine Lara Croft und einen E.T.
                                                                                                                                                                    lergie bereitete dem leider ein Ende.  gehäkelt«, verrät sie. Solche Sonderan-
                                                                                                                                                                    Mittlerweile hat sich ihr Hobby im Heid-  fertigungen gibt es jedoch nur für die

                                                                  Entspannung pur: Im Salzzimmer am Jenastieg.                                                      berg herumgesprochen. Ab und zu hä-  Enkel.
                                                                                                                                                                    kelt sie für die Nachbarn Babykleidung   Neben ihrer Strick- und Häkeltätigkeit
                                                                                                                                                                    oder  Ofenhandschuhe  für  die Küche.   arbeitet die dynamische Ruheständlerin
                                                                                                                                                                    Den größten Spaß allerdings hat sie   stundenweise  bei  Kaufland.  »Ich  bin
                                                                                                                                                                    mit den Puppen.                   immer in Bewegung«, scherzt sie. »Sie
                                                                                                                                                                    Neben den Eigenkreationen kann man   wissen doch: Rentner haben nie Zeit!«
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